Interview mit Ilze Garda (Vorstandsvorsitzende des VDL)

Erstellt: 2022-01-14 , Verband der Deutschen in Lettland
- Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Es ist an der Zeit zurückzublicken. Wie bewertest Du 2021 für den Verband der Deutschen in Lettland?

Es war ein sehr aktives und erfolgreiches Jahr. Trotz der langwierigen Situation mit der Pandemie, sowohl in Vereinen als auch im VDL, konnten die geplanten Projekte durchgeführt werden.

Wichtig war das vom SIF unterstützte Projekt „Nachhaltigkeit und Kompetenz“, das der Stärkung der Verbandskapazitäten gewidmet ist, in dessen Rahmen wir an einer aktiven Kommunikation mit den Mitgliedern und Interessenvertretern sowohl in den sozialen Netzwerken als auch mit Mailinglisten arbeiteten sowie eine VDL-Strategie für die nächsten 3 Jahre entwickelten. Außerdem führten wir mit Unterstützung des Bundesinnenministeriums des Innern die aus 9 Modulen bestehende Online-Bildungsseminarreihe für Jugendliche durch und in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut geht das Videoprojekt „Gerichte mit Geschichte“ noch weiter. Mit Unterstützung der Deutschen Botschaft in Riga erstellten wir eine Informationsbroschüre über deutsche Vereine in Lettland, die wir diesen Sommer auf dem Festival der nationalen Minderheiten in Jelgava präsentierten. Auch dieses Jahr war sehr reich an Projekten für Vereine. Es muss jedoch zugegeben werden, dass Projekte eher der sichtbarste Teil der Vereinsarbeit sind und die Pflege und Unterstützung der Beziehungen zwischen Vereinen, Verbandspartnern und Interessenvertretern eine ebenso wichtige und zeitaufwändige Aufgabe sind, um eine solche Umgebung und Situation zu schaffen, in denen sich unsere Ideen entwickeln sowie der Wunsch entsteht, einfach dabei zu sein und zusammenzuarbeiten.

- So ein sehr positiver Ausblick auf das bevorstehende neue Jahr?

Im Allgemeinen ja. Ich möchte aber auch ein paar Worte über den großen Verlust sagen, den dieses Jahr der deutschen Minderheit Lettlands gebracht hat. Im November dieses Jahres starb Ilga Vitāle, Leiterin des deutschen Kulturzentrums Liepaja und der deutschen Gemeinde Liepaja. Das ist einerseits ein trauriges Ereignis und für viele ein großer Verlust, andererseits zeigt es ganz direkt und hart, dass die Zeit gegen uns spielt. Die Senioren sind der loyalste Teil der deutschen Minderheit, die immer noch eine sehr starke und lebendige Verbindung zu den Deutschen hat. Das sind diejenigen, deren Biografien noch ihre Zugehörigkeit zur deutschen Kultur mit lebendiger deutscher Identität dokumentieren können. Das sind auch sehr interessante und leider wenig erforschte Geschichten dieser Generation. Somit möchte ich alle Vereine dazu aufrufen, sich mehr mit den Senioren der Vereine zu unterhalten und ihre Geschichten näher kennenzulernen und sie aufzuschreiben! Ich glaube, es wird eine Zeit kommen, in der diese Erinnerungen, diese Geschichten zu einem wichtigen Zeugnis nicht nur in der Gesellschaft werden, sondern auch dazu beitragen, die weiße Flecken in der Geschichte Lettlands zu füllen. Und ich freue mich sehr, dass die Lettische Kulturakademie seit mehreren Jahren die Lebensgeschichten der deutschen Minderheit erforscht. Es ist jedoch wichtig, dass wir diese Arbeit selbst erledigen und uns nicht auf die anderen verlassen.

- Diese Themen scheinen Dich sehr zu beschäftigen.

Ja, es ist halt so. In der Arbeit des VDL ist mir einerseits sehr wichtig, dass das, was wir tun, möglichst gut ist, andererseits aber auch Sinn und Bedeutung hat. Mir scheint, dass das jetzt im Großen und Ganzen eine sehr wichtige Frage für die deutsche Minderheit Lettlands ist – wer wir sind und wohin wir gehen. Und unsere Seniorengeneration ist wohl die Offensichtlichste, weil sie eine natürlich geprägte deutsche Identität hat. Dies ist bereits eine viel bewusstere Entscheidung für zukünftige Generationen. Aber es gibt keine einzige richtige Antwort. Wahrscheinlich ist es nicht notwendig, es ist nur wichtig, darüber nachzudenken und die Geschichte zu kennen. Aus diesem Grund möchte sich der VDL im Jahr 2022 so gründlich mit der Identität und Geschichte befassen, denn ich glaube, dass das eine der Möglichkeiten ist, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Wir hoffen, dass sich die Situation mit der Pandemie im Jahr 2022 beruhigt, damit wir uns beim bereits für dieses Jahr geplanten Symposium “Identität, Herausforderungen, Vision“, das dem dreijährigen VDL-Jubiläum gewidmet ist, persönlich treffen könnten. Darüber hinaus werden Jugendliche, die sich mit den Themen „Geschichte und Identität“ auseinandersetzen werden, nominiert werden.

- Und zum Schluss noch eine einfachere Frage - was sind Deine deutschen Lieblingslieder und -gerichte an diesen Feiertagen?

Weihnachtslieder in deutscher Sprache liegen mir besonders am Herzen, weil es meiner Meinung nach das schönste Repertoire war, das wir im Ensemble des Deutschen Kulturvereins Riga „Morgenrot“ gesungen haben. Mein beliebtestes deutsches Weihnachtslied ist "Leise rieselt der Schnee", das ich seit früher Kindheit kenne, und das vom Morgenrot-Sänger, dem verstorbenen Gunārs Gedrovics, mit seinen entzückenden Tenorklängen gesungen wurde.

Was das Essen angeht, kann ich mir Weihnachten ohne Dresdner Christstollen und natürlich Lebkuchen vorstellen, die beim Backen mit der Familie eine wunderbare heimelige Atmosphäre schaffen. Ich mag auch gedünsteten Kohl und Braten mit Rauch.

Übersetzung: Kristina Khizhniakova