Gespräch mit Georgijs Jesse, dem Gründer des deutschen Vereins ERFOLG in Daugavpils

Erstellt: 2022-02-10 , Verband der Deutschen in Lettland
Das neue Jahr beschert uns neue Interviews. Dieses Mal wollte ich erfahren, wie Georgijs Jesse seine Tätigkeit im deutschen Verein Daugavpils begann. Wir trafen uns auf dem Liederfest und in anderen Veranstaltungen der deutschbaltischen Vereine, und er war immer unter den Sängern. Das freut mich, dass Georgijs dem Gespräch zugestimmt hat, weil er keine Publizität will, sondern er will einfach arbeiten.

1. Was verbindet Dich mit Deutschland?

Ich komme aus einer gemischten Familie, mein Vater Heinrihs Jesse war Deutscher. Er ist in Sibirien aufgewachsen. Großvater Ēvalds blieb 1939 in Lettland und fuhr nach Deutschland nicht, weil seine Frau es nicht wollte. Obwohl er aber kein Feind des Sowjetregimes war, wurden er und seine ganze Familie nach Sibirien vertrieben. Mein Vater heiratete in Sibirien und dort wurde ich geboren. In der Familie sprachen wir Russisch. In der Schule lernte ich Englisch als Fremdsprache. Meine Eltern erwähnten überhaupt nicht, dass ich Deutsch lernen konnte. Dort lernten sie andere Familien kennen, aber die Kommunikation war auf Russisch. 1971 kehrte ich als Teenager mit meinen Eltern und meiner Schwester nach Lettland zurück. Ein anderes Leben begann, was mich nach und nach über meine deutsche Herkunft nachdenken ließ. Jetzt spreche ich ein bisschen Deutsch, aber nicht so gut, wie ich es möchte.

2. Wie begann Deine Tätigkeit in der deutschen Vereinsbewegung Lettlands?

Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands gab es einen emotionalen Aufschwung, sogar einige Euphorie. In Daugavpils wurden verschiedene nationale Vereine gegründet sowie Polen, Litauer und andere wurden aktiver. Das waren neue Richtungen. Ich war darüber ständig auf dem Laufenden. Später fand ich heraus, dass deutsche Vereine in Dobele und Valmiera gegründet wurden. Ich wusste, dass es auch Deutsche in Daugavpils gibt. Und mir fiel eine Idee ein, auch in Daugavpils einen deutschen Verein zu gründen. Ich fuhr zur deutschen Botschaft in Riga, traf da Aina Balaško, und 1994 verwirklichten wir meine Idee, und dies ist das Geburtsjahr des deutschen Vereins in Daugavpils.

Von den ersten Treffen an kamen viele Menschen deutscher Nationalität zu den Treffen. Vieles veränderte sich seither natürlich, viele zogen nach Deutschland um, die anderen verließen für immer das Land. Unterdessen trafen und unterhielten wir uns weiterhin. Auch wurde schon am Anfang unserer Tätigkeit ein Ensemble gegründet, zuerst ohne Namen, da sangen unsere deutschen Großmütter. Diese Lieder berührten immer mein Herz. Ich beschäftigte mich mit der Organisation und Leitung, leistete jede Menge der notwendigen Arbeit. Wir reisten als Gäste nach Dobele, als der deutsche Verein Dobele ein Haus erhielt, besuchten und feierten gemeinsame Feste in Valmiera.

3. Was macht dir am meisten Spaß in der Vereinsarbeit? Auf welche Arbeit des deutschen Vereins würdest Du gerne stolz sein?

Ich weiß, dass der Beginn der Vereinsarbeit in meinen Händen liegt. Ich organisiere alles, trotz des relativ großen Widerstands in der Familie. Mir sind auch Gedanken eingefallen, wie ich etwas so Unnötiges tun kann, wenn es im Alltag keinen Mangel gibt. Als die Tochter Olga aufwuchs, begann ein neuer Lebensabschnitt für den Verein. Olga ist seit 2005 Leiterin unseres Vereins, der “Deutscher Verein „Erfolg“ Daugavpils” heißt. Jetzt singe ich im Vereinsensemble „Lorelei“, bin sogar Solist, nehme an Veranstaltungen teil, helfe beim Haushalt und erledige auch andere Hausarbeiten.

4. Wie bewertest Du derzeit die Tätigkeit der deutschen Vereine Lettlands?

Das Wichtigste ist jetzt für alle, zu überleben, die durch Covid verursachten Schwierigkeiten zu überwinden und die Vereinsarbeit zu leisten, mit der sich jeder Verein bereits beschäftigt. Es ist schwierig, die Arbeit mit den Jugendlichen durchzuführen, ab und zu sind sie so launisch. Jedoch sollte diese Arbeit weiter gemacht werden.

5. Welche deutschen Traditionen magst Du am liebsten?

Ich mag Weihnachten, Ostern, das sind eigentlich internationale Feiertage. Aber trotzdem kommen viele dieser Feiertage aus Deutschland.

6. Hast Du ein deutsches Lieblingslied, das Du gerne singst?

Ich mag viele deutsche Lieder sehr. In letzter Zeit höre ich jedoch besonders gerne das Lied „Schön ist die Jugend“.

7. Isst Du gerne Gerichte nach deutschen Rezepten?

Ja, ich esse gerne deutsche Gerichte, ich mag Würstchen mit Kohl, Pfannkuchen und Gebäcke aller Art, sowie Strudel.

Ich fand heraus, dass Georgijs nicht so oft in Deutschland war. Seine Vorfahren stammen vom Nordrhein. Am Ende des Gesprächs würde ich gerne nicht nur die Heimat meiner Vorfahren besuchen, sondern auch Deutschland möglichst näher kennenlernen.

Autorin: Māra Kraule
Übersetzung: Kristina Khizhniakova